Carte Blanche

05.04.2017

Welche Perspektiven bietet grenzüberschreitende Innovation am Oberrhein?

Wie Europa im internationalen Wettbewerb um die besten Köpfe und Ideen seine Führungsposition halten und ausbauen kann
Janosch Nieden, Direktor der Geschäftsstelle von Eucor – The European Campus

Der European Campus
Eucor –The European Campus ist eine Vision, nach der die Studierenden und Forschenden die universitären Infrastrukturen an den fünf Standorten am Oberrhein, die nur max. 200 km voneinander entfernt liegen, grenzüberschreitend nutzen können. Zusammen vereinen die Mitgliedsuniversitäten Basel, Freiburg, Haute-Alsace, Strasbourg sowie das Karlsruher Institut für Technologie 115.000 Studierende, 15.000 Forschende und rund 11.000 Doktoranden. Damit ist der European Campus vergleichbar mit Wissens-Standorten wie Berlin, Paris, München oder der Boston Area. 

Grenzüberschreitende Möglichkeiten stärker nutzen
Stand heute ist es jedoch so, dass die Studierenden an den Mitgliedsuniversitäten diese grenzüberschreitenden Möglichkeiten noch nicht in dem Maße nutzen, in dem wir es uns wünschen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten oft nur projektweise und nicht systematisch grenzüberschreitend zusammen. Die Nutzung der zum Teil sehr kostenintensiven Infrastrukturen erfolgt bisher nur in Ausnahmefällen über alle Standorte hinweg. 

Zusammenarbeit von Forschenden bietet enormes Potenzial
Während die Studierendenmobilität aufgrund der sprachlichen Hürden möglicherweise auch in Zukunft ein schwieriges Unterfangen bleiben wird, bietet aus meiner Sicht die Mobilität der Forschenden noch ein enormes Potenzial: in welcher anderen Region in Europa können junge Wissenschaftlerinnen und –wissenschaftler eine solche Dichte an Forschungsinfrastrukturen nutzen und zugleich täglich Grenzen überwinden und ihre Interkulturalität entwickeln? 

Chancen für den wissenschaftliche Nachwuchs
Besonders der wissenschaftliche Nachwuchs, d.h. die zahlreichen Promovierenden und Post-Docs an den Mitgliedsuniversitäten von Eucor, sollte von den grenzüberschreitenden Möglichkeiten in der Region noch stärker profitieren. In der Tat habe ich den Eindruck, dass die Interkulturalität im internationalen Wettbewerb um die Besetzung von zentralen Entscheidungspositionen in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft oft den Unterschied macht: neben der fachlichen Kompetenz spielt oft eine entscheidende Rolle, ob der/die Kandidat/in die notwendige Sensibilität mitbringt, mit Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammenzuarbeiten und sie für die Umsetzung von gemeinsamen Zielen gewinnen zu können. Am Oberrhein kann diese Interkulturalität in einer europäischen Perspektive täglich ohne viel Reiseaufwand erprobt werden. 

Mitgliedsuniversitäten von Eucor – The European Campus sind fachlich attraktiv
In fachlicher Hinsicht sind die Mitgliedsuniversitäten von Eucor – The European Campus sehr komplementär aufgestellt und deswegen im internationalen Wettbewerb sehr attraktiv: während die Universitäten Basel und Freiburg besonders in den Bio- und Lebenswissenschaften Akzente setzen, gehören Straßburg und Mulhouse zu den europäischen Leuchttürmen in der Chemie, und Karlsruhe gehört im Bereich der Ingenieurswissenschaften zur europäischen Spitze. Der Standort European Campus bietet für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler also ein hochinteressantes Portfolio, ganz unabhängig von der hohen Lebensqualität und touristischen Attraktivität der Region. 

Hürden überwinden
Um eine wissenschaftliche Freizone mitten in Europa tatsächlich schaffen zu können, müssen jedoch eine Reihe von Hürden überwunden werden. Wie kann es gelingen, ohne zu viele Komplikationen gemeinsam junge Wissenschaftler zu bezahlen, die zwischen den Standorten zirkulieren? Wie können gemeinsame Berufungen durchgeführt werden und Professorinnen und Professoren noch einfacher über mehrere Standorte hinweg am European Campus lehren? Wie können Forschungsinfrastrukturen für die jungen Wissenschaftlerinnen der Mitgliedsuniversitäten systematisch geöffnet werden? Inwiefern wäre es denkbar, dass die Doktorierenden einen gemeinsamen Abschluss des European Campus erhalten? Wie kann der European Campus international kompetitive Graduate Schools schaffen, mit denen die besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler angezogen und langfristig für die Region gewonnen werden können? Hierzu wollen wir Antworten finden.

Ich ich davon überzeugt, dass der European Campus es mit seinen Mitgliedsuniversitäten schaffen kann, in Europa eine Führungsrolle einzunehmen und er einen entscheidenden Beitrag dazu leisten kann, dass der europäische Kontinent im internationalen Wettbewerb um die besten Köpfe und Ideen seine Führungsposition halten und weiter ausbauen kann. Denn nur so können wir uns den hohen Lebensstandard, den wir in unserer Region genießen, auch langfristig sichern.

Mit der Carte Blanche bieten wir Fachleuten eine Plattform, auf der sie Impulse zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit geben und ihre Visionen zur Entwicklung im Dreiland darlegen können. Im Jahr 2017 veröffentlichen wir Beiträge zum Thema "Welche Perspektiven bietet grenzüberschreitende Innovation am Oberrhein?"  

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