News Carte Blanche

28.10.2026

«Demokratie im Wandel. Herausforderungen und Perspektiven»

Demokratischer Friede ist nicht selbstverständlich
Francesca Knaus, Autorin und Politikberaterin im Bundestag, Berlin. Mitautorin von «Welches Europa brauchen wir?» (Piper, 2025)

Von den 50 Staaten Europas haben seit 1990 siebzehn Diktatur, Krieg oder Bürgerkrieg erlebt. Zwischen 1990 und 2021 starben über 300’000 Europäer in diesen Kriegen, zehn Millionen wurden vertrieben. Die übrigen 33 Staaten lebten im demokratischen Frieden: 25 EU-Mitglieder (Kroatien und Slowenien erst nach ihren Kriegen), vier Schengen/EFTA-Staaten (Norwegen, Island, Liechtenstein, Schweiz) und vier Kleinstaaten (San Marino, Andorra, Monaco, Vatikan). Was hat funktioniert? Die europäische Integration, die Konflikte zwischen Mitgliedstaaten undenkbar macht, und militärische Abschreckung nach aussen.

Dies war die Lehre der Gründergeneration. Der Niederländer Max Kohnstamm, Sekretär der ersten europäischen Gemeinschaft in Luxemburg, fasste sie so zusammen: «Friede herrscht dort, wo alle - ob stark oder schwach - durch gemeinsam niedergelegte Rechtsregeln geschützt, aber auch beschränkt werden». Es ist das Gegenmodell zur Welt der Raubtiere. Dass Luxemburg Deutschland nicht fürchtet und Litauen sich für seine Verteidigung auf deutsche Truppen verlässt, gehört zu diesem europäischen Wunder.

Doch dieses Wunder hat entschlossene Feinde: Putin, die MAGA-Bewegung und rechtsextreme Parteien wie die AfD wollen die Institutionen zerstören, die den Frieden sichern. Auch Kanada, dessen Grenzen der grössere US-Nachbar infrage stellt, sucht Verbündete in Europa. In Davos sagte Mark Carney: «Mittelmächte müssen gemeinsam handeln, denn wer nicht mit am Tisch sitzt, steht auf der Speisekarte».

Welches Europa brauchen wir? Eines, das europäische Integration als Friedensprojekt bewahrt und Feinde erfolgreich abschreckt. Gelingt das, leben junge Schweizer und Deutsche weiter in Frieden. Gelingt es nicht, können die dunkelsten Zeiten des 20. Jahrhunderts zurückkehren.

Mit der Carte Blanche bieten wir Fachleuten eine Plattform, auf der sie Impulse zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit geben und ihre Visionen zur Entwicklung im Dreiland darlegen können. Im Jahr 2026 veröffentlichen wir Beiträge zum Thema «Demokratie im Wandel. Herausforderungen und Perspektiven».


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