News Carte Blanche
25.03.2026
«Demokratie im Wandel. Herausforderungen und Perspektiven»
Wo Demokratie sich verändern darf
Elias Schäfer, Präsident Demokratie Labor Basel
Eine kleine Verschiebung kann viel auslösen. Wenn Zustimmung oder Ablehnung nicht einfach als Ja oder Nein, sondern abgestuft geäussert wird, verändert sich vielleicht das Resultat. Es verändert aber sicher, wie wir politische Meinungen verstehen: weniger als klare Gegensätze, mehr als nuancierte Abstufungen.
Hier setzt «Fuzzy Voting» an, das graduelle Abstimmen, das im Demokratie Labor Basel experimentell getestet wurde. Und es führt zur Frage: Warum behandeln wir politische Präferenzen nach wie vor binär, obwohl wir wissen, dass sie in der Realität kontinuierlich sind – und wir längst die Mittel hätten, sie differenzierter abzubilden?
Die Debatte über den Wandel der Demokratie fokussiert hingegen vor allem auf die Teilhabe: Wer darf und wer soll mitbestimmen? Die Armen, die Frauen, die Ausländer, die Jungen – und die Alten vielleicht weniger? Entsprechend wurde die politische Teilhabe schrittweise erweitert. Der Entscheidungsprozess selbst hingegen blieb weitgehend unangetastet, als wäre er nicht gestaltbar. Erst allmählich rückt mit digitalen Möglichkeiten, neuen Beteiligungsformen und veränderten Erwartungen das Wie stärker ins Zentrum, oder zumindest stärker in den wissenschaftlichen Diskurs.
Genau hier setzte das Demokratie Labor Basel an. Nicht mit einem normativen Anspruch, sondern mit der Neugier, Dinge ganz praktisch auszuprobieren. Über 3’000 Basler:innen haben neue Formate getestet – vom graduellen Abstimmen bis zu deliberativen Versammlungen. Ganz konkret in der Anwendung. Denn was funktioniert, was irritiert und was neue Fragen aufwirft, zeigt sich am deutlichsten im Versuch.
Und hier stossen wir an eine Grenze, die sich nicht einfach überwinden lässt: Demokratie lässt sich im laufenden Betrieb nicht beliebig verändern. Das bestehende System muss verlässlich funktionieren. Es steht unter dem permanenten Anspruch, Vertrauen zu sichern – und dieses Vertrauen ist fragil. Unsicherheit ist darin nicht vorgesehen.
Die E-Voting-Panne am letzten Abstimmungssonntag in Basel-Stadt macht diese Logik deutlich. Rund 2’000 Stimmen wurden digital abgegeben, aber nicht ausgezählt. Nicht, weil das System zu wenig gesichert gewesen wäre, sondern weil seine Sicherheitsmechanismen so konsequent waren, dass selbst vorgesehene Zugriffe blockiert blieben. Ein verlorener PIN genügte, um die Auszählung zu verunmöglichen – und einen langjährigen Entwicklungsprozess vorerst auf dem Pannenstreifen zu parkieren.
Lieber Stillstand als ein potenzieller Vertrauensverlust. Stabilität hat Vorrang – und gerade deshalb wird Veränderung schwierig.
Das heisst nicht, dass sich Demokratie in ihren Prozessen nicht weiterentwickeln kann. Aber es heisst, dass dieser Wandel kaum dort entsteht, wo unter realen Bedingungen entschieden werden muss. Denn wenn Demokratie sich nur unter der Bedingung verändern darf, dass sie jederzeit reibungslos funktioniert, wird sie sich kaum verändern – oder erst dann, wenn sich Spannungen abrupt entladen.
Ihr nachhaltiger Wandel beginnt dort, wo wir bereit sind, sie vorübergehend nicht perfekt funktionieren zu lassen. Dafür braucht es Räume, die Unsicherheit zulassen. Räume ausserhalb des Systems – und doch mit Bezug zu ihm.
Solche Räume entstehen nicht von selbst. Und sie finanzieren sich auch nicht von selbst. Die öffentliche Hand kann sie nur begrenzt tragen. Umso mehr sind Akteure gefragt, die bereit sind, in die praktische Weiterentwicklung der Demokratie zu investieren. Für das Demokratie Labor Basel haben wir sie gefunden – besten Dank – und teilen gerne unsere Ergebnisse. Vielleicht geben sie dem Wandel einen kleinen Impuls. Alle Ergebnisse und weitere Informationen: demokratielabor.ch

