Carte Blanche

21 mai 2026

«Demokratie im Wandel. Herausforderungen und Perspektiven»

Kultur im Dreiland: der Kitt, der uns zusammenhält
Vivienne Gaskell, Präsidentin des Kulturvereins Elsass-Freunde Basel, interkulturelle Trainerin und Mediatorin

In einer Welt wachsender kultureller und gesellschaftlicher Vielfalt wird es immer wichtiger, einander zuzuhören, Beziehungen zu pflegen und gemeinsam an einem friedlichen Miteinander zu arbeiten.

Sprachen, grenzüberschreitende Begegnungen und gemeinsame Projekte haben meinen Lebensweg geprägt. Sie machen mich zu einer überzeugten Europäerin und Brückenbauerin.

Als Jugendliche besuchte ich Familie in der damaligen DDR. Dort begegnete ich anderen politischen Systemen, neuen kulturellen Lebenswelten und einer völlig anderen medialen Realität. Gleichzeitig erkannte ich, was Menschen verbindet: der Wunsch nach Frieden, Freiheit, Würde und Identität. Damals wurde mir klar, dass ich mein Leben dem interkulturellen Dialog widmen möchte.

Dass Europa seit über 80 Jahren Frieden erleben darf, verdanken wir visionären Persönlichkeiten, die nach dem Krieg auf Dialog, gegenseitiges Verständnis und gemeinsame Lösungen setzten. Dieser multilaterale Ansatz schuf trotz aller Unterschiede Stabilität, Wohlstand und Vertrauen.

Gerade heute wird dieses Modell zunehmend infrage gestellt. Gleichzeitig zeigt sich, dass Frieden und Wohlstand nicht durch Machtpolitik, einseitiges Durchsetzen eigener Interessen oder militärische Eskalation erzwungen werden können.

Das Dreiland bleibt ein europäisches Erfolgsmodell. Mehr als 100’000 Menschen überqueren täglich die Grenzen. Wir teilen Bildungsräume, Infrastruktur, Kultur und Wirtschaft – trotz unterschiedlicher politischer Systeme, Mentalitäten und Arbeitsweisen.

Seit über 40 Jahren fördert der Kulturverein Elsass-Freunde Basel persönliche Begegnungen und Verständigung in der Dreiländerregion. Unsere Arbeit lebt von kulturellem Austausch, gelebter Nachbarschaft und dem Entdecken gemeinsamer Traditionen. Das ist eine Form von Alltagsdiplomatie.

Dabei spielt auch die alemannische Sprache als gemeinsames Kulturerbe eine wichtige Rolle. Sie verbindet Menschen über die Grenzen der Dreiländerregion – Nordwestschweiz, Südbaden, Elsass - hinweg und stärkt das Gefühl regionaler Zugehörigkeit. Gleichzeitig verstehen wir im Kulturverein Mehrsprachigkeit als wichtigen Schlüssel zur Offenheit und Teilhabe. Deshalb kommunizieren wir je nach Publikum nicht nur auf Alemannisch, sondern auch auf Deutsch, Französisch und bei Bedarf auf Englisch, um möglichst viele Menschen im Dreiland anzusprechen und miteinander ins Gespräch zu bringen.

Ich bin überzeugt: Kultur ist der Kitt, der Gesellschaften zusammenhält – gerade in Krisenzeiten. Sie verbindet uns mit unseren Wurzeln und eröffnet zugleich Raum für Neues. Kulturen können sich weiter entwickeln, treten in Dialog und bereichern sich gegenseitig. Dauerhafter Frieden entsteht dort, wo Menschen einander zuhören und offen bleiben.

Diese Offenheit ist jedoch keine Selbstverständlichkeit. Sie braucht Pflege, Engagement und Begegnung. Als Bewohnerinnen und Bewohner des Dreilands tragen wir alle gemeinsam Verantwortung für unseren Lebens-, Wirtschafts- und Kulturraum.

Mit der Carte Blanche bieten wir Fachleuten eine Plattform, auf der sie Impulse zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit geben und ihre Visionen zur Entwicklung im Dreiland darlegen können. Im Jahr 2026 veröffentlichen wir Beiträge zum Thema «Demokratie im Wandel. Herausforderungen und Perspektiven».


Als PDF downloaden

 

Retour