Regio-Interview

23 septembre 2026

Regio-Interview – Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik im Gespräch

Im Gespräch mit Marion Dammann, Landrätin des Landkreises Lörrach und Präsidentin des Trinationalen Eurodistricts Basel.

Sie kennen Basel sicher nicht nur aus Sitzungssälen – wo sind Sie dort auch privat unterwegs, und was zieht Sie gerade dorthin? 

Ich finde Basel sehr attraktiv – kulturelle Angebote, architektonische Highlights und das verbindende Element Rhein ziehen mich nach Basel.

Was hat Sie an der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit von Anfang an besonders interessiert? Welche Aspekte und Themen liegen Ihnen in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit besonders am Herzen? 

Aus der Mitte Deutschlands stammend, hat mich die Grenzlage des Landkreises Lörrach von Anfang an fasziniert -ebenso die Kultur der Nachbarn -Schweiz und Frankreich gleichermassen. Die grenzüberschreitende Kooperation ist ein sehr bewegtes Handlungsfeld, in dem man immer neue Themen mit spannenden Akteuren aller Verwaltungsebenen behandelt – immer mit Respekt für die Personen und sehr sachorientiert. Ich halte es in unserer Dreiländeregion für wichtig und selbstverständlich, da wir so eng verwoben miteinander leben und arbeiten, dass wir auch eng abgestimmt kooperieren.

Besonders wichtig sind mir die Aspekte, die schon ihrer Natur nach nicht an der Nationalgrenze enden: Umwelt- und Klimaschutz, Hitzemassnahmen, Verkehrs- und Stadtentwicklung, Zivil- und Katastophenschutz und v.m.

Wo sehen Sie noch ungenutztes Potenzial in der Zusammenarbeit – und wo bestehen nach wie vor Hürden?

Wir machen im Grossraum Basel und am Oberrhein schon Vieles sehr gut und nehmen das manchmal selbst gar nicht richtig wahr. Das sieht man vor allem, wenn man uns mit anderen Grenzregionen vergleicht. Wir können stolz sein, auf das Agglomerationsprogramm Basel, den Trinationalen Eurodistrict Basel, unsere Beratungsstelle Infobest Palmrain, Oberrheinrat und -konferenz, Trinationale Metropolregion und Hochrheinkommission, also Gefässe, in denen wir regelmässig Austausch sowohl auf Ebene der Verwaltungen als auch der Politik pflegen. Das alles sind Institutionen, die wir seit Jahren pflegen und die sich teils schon Jahrzehnte bewähren, gemeinsam Projekte realisieren, Netzwerke schaffen, aber auch ganz konkret große Summen Fördergeld aus der Schweiz und der EU in die Region holen. 

Statt stets Kritik daran zu üben, dass sich nicht jedem sofort erschliesst, wo welche Besonderheit in den grenzüberschreitenden Gremien besteht und wer wo beteiligt ist, finde ich, sollten wir darauf stolz sein, dass es uns auch in der grenzüberschreitenden Kooperation gelingt, passgenaue Gefässe für alle Verwaltungsebenen und Projektperimeter zu formieren und zu erhalten. Für manche Projekte macht es Sinn, nur in Basel und seinem direkten Umland zu bleiben (z.B. Schülerprojekte, Stadtentwicklung, ÖPNV) und für manche ist es besser, wenn wir vom Bodensee bis Rheinland-Pfalz zusammenarbeiten (z.B. Hochwasserkonzeption am Oberrhein, Schienenprojekte, Entwicklung überörtlicher Verkehrskorridore u.ä.).

Gibt es Bereiche, in denen die drei Länder in einer Konkurrenzsituation zueinanderstehen?

Wir beobachten, dass wir im Bereich Fachkräfte miteinander konkurrieren und die Schweiz mit ihrer anderen Lohn- und Steuerstruktur ein starker Anziehungspunkt für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist. Besonders im Bereich Gesundheit fällt das auf, aber auch in zahlreichen anderen Branchen.

Auch im Bereich Tourismus erleben wir eher eine gewisse Distanz. Franzosen und Deutsche hätten eine stärkere Rolle Basels als «Dreiländermetropole» begrüsst. Städte mit Messen und Museen gibt es viele, aber die Dreilandlage D-F-CH ist ein Alleinstellungsmerkmal, das Reisende begeistert. Dies zu dritt zu bespielen und stärker zu bewerben, würden wir als Mehrwert für alle sehen. Ein entsprechender Vorstoss seitens der französischen Kollegen wurde vor einigen Jahren nicht aufgenommen.

Der Tourismusauftritt Basels stützt vor allem die eigenen Tourismusakteure und hebt bei seinem Auftritt nur einzelne Hotspots in Deutschland und Frankreich, wie die Burg Rötteln und Vitra, hervor. Wir nehmen das so wahr, dass Basel in Alleinstellung in den Fokus gerückt werden soll. Ausserdem richtet sich in der Schweiz Tourismusaktivität vor allem an Übernachtungsgäste, und das ist in Deutschland und Frankreich anders. Gemeinsame grenzüberschreitende Projekte gibt es daher bislang vor allem «im Kleinen» z.B. im Bereich Naherholung und Freizeitradverkehr.

Beide Punkte beeinträchtigen das Verhältnis jedoch nicht. Durch die Zuwanderung in die Dreiländerregion profitiert die hiesige Wirtschaft, insbesondere Einzelhandel, Hotel- und Gaststättengewerbe profitieren von solventer Kundschaft beiderseits der Grenzen. KMU und Handwerksbetriebe haben ebenfalls eine gute Nachfrage.

Viele Wirtschaftakteure in der Region haben sich nur durch den Arbeitsmarkt Schweiz so entwickeln können, wie sie es getan haben und im Ergebnis befruchten sich unsere drei Länder in der Region gegenseitig. 

Können Sie ein Beispiel nennen, an dem sich der Nutzen des Trinationalen Eurodistricts Basel (TEB) im Alltag der Menschen konkret zeigt?

Da fallen mir viele Projekte ein, die durch den TEB initiiert worden sind – auch wenn nicht alle nur mit der Hand der Geschäftsstelle selbst umgesetzt worden sind: Z.B. hätten wir ohne den TEB heute weder die Tram 3 nach Saint-Louis noch die Tram 8 nach Weil am Rhein, die oben bereits angesprochenen grenzüberschreitenden Radwege nach unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad wurden im TEB realisiert und per Radkarte publiziert. Der TEB hat auch jüngst bei der Realisierung des grenzüberschreitenden Busses von Lörrach nach Saint-Louis und den EAP unterstützt. Der Rheinuferrundweg in Rheinfelden, die grenzüberschreitende Buslinie von Grenzach nach Basel und auch der grenzüberschreitende Stadtbus Rheinfelden sind Projekte, deren Realisierung mit Hilfe des TEB inzwischen schon ein paar Jahre zurückliegen und von denen unsere Bevölkerung heute noch profitiert.

Im Rahmen unserer Kleinprojekte-Förderung konnten auch eine Vielzahl grenzüberschreitender Projekte ganz konkret durch finanzielle Mittel vom TEB realisiert werden.

Kann die grenzüberschreitende Zusammenarbeit auf lokaler Ebene tatsächlich einen Einfluss auf das Verhältnis zwischen der Schweiz und der EU haben?

Das hat sie bereits: wir alle sind im direkten Austausch mit unseren übergeordneten Behörden bei Land und Bund. Weiterhin sind wir über den Landkreistag Baden-Württemberg direkt in neue Vorhaben, Vertragsentwürfe und Rechtsetzung auf nationaler und europäischer Ebene eingebunden. Gerade wenn die Grenzlandkreise mit einer Stimme sprechen und ihre Interessen geltend machen, finden sie oft Gehör. 

Seit der Corona-Pandemie beobachten wir, dass in den Hauptstädten mehr Sensibilität für die besondere Grenzsituation vorhanden ist, bei Gesetzesvorhaben die Grenzregionen zu beteiligen und die Auswirkungen vor Ort besser zu bedenken. 

Gerade im Verhältnis zu Frankreich ist der TEB ganz konkret in der Arbeitsgruppe zum Aachener Vertrag aktiv. Die Themen des AGZ werden mit den Minsterien aus Berlin und Paris konkret besprochen.

Auch die Abgeordneten aus den Grenzregionen vermögen über ihre jeweiligen Parteien und Fraktionen Themen im Bundestag zu platzieren und in die Verhandlungen mit der EU zu transportieren. Es finden regelmässig Gespräche mit den Abgeordneten in den Landkreisen und den Kommunen statt.

Welches Zukunftsprojekt der Zusammenarbeit hat für Sie derzeit die höchste Priorität?

Wir haben in diesem Jahr gesehen, dass uns die Sommerhitze besonders fordert. Das betrifft den gesamten trinationalen Verdichtungsraum, so dass wir gemeinsam Massnahmen entwickeln und einsetzen sollten, die uns gegen Hitze resilienter werden lassen.

Dabei können wir voneinander lernen und gute Ideen übernehmen.

Thematisch gehört auch die ans Klima angepasste Umbildung unserer stadtnahen Wälder in der Region hierzu: Nur wenn hier kühlende Gebiete im Stadtumland bestehen bleiben, können die Wälder und Gehölze unserer drei Länder für Frischluft in die Stadt und abkühlende Naherholungsräume, für die besonders von Hitze getroffene Stadtbevölkerung sorgen. Die Akteure unserer Forstverwaltungen arbeiten im Rahmen des TEB bereits gemeinsam an einem Projekt, um hier miteinander weiter zu kommen, als allein.

Des Weiteren ist es mir ein Anliegen, dass unser neues Dreilandklinikum diesen Namen verdient und die Angebote von unseren französischen und Schweizer Nachbarn angenommen werden können.

Mit welchen drei Worten würden Sie die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zusammenfassen?

vertrauensvoll - fruchtbar - wichtig

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