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LEITARTIKEL 1995

«Letzte Sektorenstadt Europas:
Das Satellitenbild der Dreiländer-Agglomeration Basel zeigt die De-facto-Stadt der über 500'000 Einwohner (=100%) mit den nationalen Grenzen (entlang des Rheins unterbrochen) sowie die Kantonsgrenzen. Die offizielle Stadt Basel im Kern deckt weniger als 40 Prozent ab, während der deutsche Mantelsektor rund 20, der französische rund 7 und der schweizerische rund 33 Prozent ausmachen.



Aus der extremen Grenzlage Basels war der oberrheinische Kooperationsimpuls zwar hervorgegangen. Aber institutionalisiert wurde die grenzüberschreitende Zusammenarbeit bis heute nicht im Brennpunkt des Dreiländerecks, sondern zu allererst im Grossraum der viereinhalb Millionen Menschen umfassenden EuroRegion Oberrhein. So gehört es zu den Merkwürdigkeiten dieser europäischen Modellregion, dass hier die Vernetzung räumlich vom Grossen ins Kleine und institutionell von oben nach unten entwickelt worden ist. Das mag auch erklären, weshalb das Phänomen Dreiländer- Agglomeration Basel - letzte Sektorenstadt Europas - erst jüngst zu einem öffentlich interessierenden Thema zu werden scheint.


BABUSCHKA-PRINZIP ALS SCHLÜSSEL

Verwirrung herrscht allenthalben, wenn Aussenstehende mit einem diffusen Regio-Begriff oberrheinisches Zusammenwirken zu erfassen, analysieren oder kommentieren versuchen. Unübersichtlich sei die Zahl der Gremien und der daran Beteiligten, aber auch die Abgrenzungskriterien der Gebietskulisse seien undurchschaubar - so die oft gehörte Kritik. Kunststück, wer Grenzen überwinden will, soll keine neuen schaffen. Deshalb hat auch jede politische Ebene, jedes Anliegen und jedes Projekt einen eigenen Wirkungsperimeter. So arbeiten die Universitäten eben von Basel bis Karlsruhe zusammen, aber die Regio-S-Bahn hat nur einen 30-Kilometer-Radius. Dieses «Sowohl-als-auch-Prinzip» gleicht mithin den russischen Puppen (sprachlich fälschlicher- aber entzückenderweise «Babuschkas» genannt), die jede für sich wiederum in der nächstgrösseren aufgeht. Die grösste Babuschka ist die EuroRegion Oberrhein, in der seit 1975 die staatliche Oberrheinkonferenz wirkt. Mit unterschiedlichen Zwischengrössen folgen die Babuschkas der beiden seit 1991 laufenden INTERREG-Programme. Dann im Süden die Babuschka der Regio TriRhena, in der seit 1995 der kommunal geprägte REGIORAT wirkt. Und schliesslich im TriRhena-Bauch die kleinste Babuschka der in hoheitliche Sektoren zerklüfteten Stadt-Agglomeration am Dreiländereck: Das in keiner offiziellen Statistik erscheinende «Grössere Basel» der über 500'000 Menschen, wofür es bislang weder eine ständige Konferenz noch gar einen trinationalen Agglomerationsrat gibt.


LEIDENSDRUCK DER VERGRENZUNG ALS HERAUSFORDERUNG

Haben Ideen (oder modischer: Visionen) eine Inkubationszeit zu durchlaufen, bevor sie zur öffentlichen Angelegenheit werden? Wir meinen, in Regio-Dingen allemal. Denn auch in Sachen Dreiländer-Agglomeration hat die REGIO BASILIENSIS vorgespurt, als sie im Sommer 1978 eine grössere Studie mit Zahlen und Fakten zur räumlichen Definition, zur Bevölkerungs- und Arbeitsmarktentwicklung und abgerundet mit zwölf Empfehlungen publizierte. Von den Widrigkeiten der Vergrenzung war da die Rede und im Vorwort meinten wir beispielsweise: «Als Tabu gilt, was der Bevölkerung Linderung versprechen könnte: Eine Abstimmung der administrativen Strukturen mit der sozio-ökonomischen Lebenswirklichkeit ! (...) Wenn es uns gelingen sollte, mit diesem Arbeitsbericht die Erkenntnis zu wecken, dass der Standort Basel nicht Basel-Stadt allein ist, sondern dieser interdependenten Agglomeration entspricht, so hat sich die Untersuchung schon gelohnt. Wir wollen damit einmal mehr unserer Verpflichtung nachkommen, die Gesamtschau der Regio-Probleme fördern zu helfen, auf dass der Basler Bürger im Vorort Weil am Rhein nicht bloss die Nachtlokale oder in den Elsässer Agglomerationsgemeinden die Essgewohnheiten und der Lörracher, Hegenheimer oder Therwiler Bürger in Basel nicht nur die gut bezahlte Stelle wahrnimmt.»
Gewiss, die Regierung der Kernstadt - der Mini-Kanton ist bekanntlich kleiner als die De-facto-Stadt - hatte schon 1975 als Ziel die «Intensivierung der Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden» postuliert und seither in grossen Abständen bilaterale «Nachbarschaftsgespräche» geführt. Doch der Durchbruch zur Erkenntnis, dass Lastenausgleichsprobleme und Entwicklungsperspektiven zwingend nur noch grenzüberschreitend und partnerschaftlich aufgegriffen werden können, ist erst in den neunziger Jahren spürbar geworden.


POLITISCHE BETEILIGUNG ALS ZIEL

Bundesrat Flavio Cotti brachte es kürzlich in seinem Basler Vortrag auf den Punkt: Die Zeit des Bilateralismus sei vorbei, nur multilaterale Organisationen seien in der Lage, Vertrauen zu schaffen und Freundschaft unter den Partnern zu entwickeln. Was er für die schweizerische Europapolitik empfahl, ist unseres Erachtens auf die Dreiländer- Agglomeration übertragbar: In seiner staatlich-kommunalen Doppelfunktion (Basel-Stadt - Stadt Basel) muss der Stadtkanton nunmehr auch im kommunalen Umfeld eine kooperative Führungsrolle einnehmen. Wohl wird sich die Kernstadt hüten, den selbstbewussten Städten im Agglomerationsgürtel (Allschwil, Binningen, Lörrach, Weil am Rhein, Saint-Louis etc.) eine solche Rolle aufzudrängen. Aber Hand zu bieten für ein gemeinsames Betrachten der zusammengewachsenen Siedlungsstruktur, für gemeinsames Handeln bei der Bewältigung der Zukunftsaufgaben, ist sicherlich erlaubt. Und inzwischen - so kann Peter Willmann, Oberbürgermeister von Weil am Rhein zitiert werden - von Basel auch gefordert. Der Durchbruch hat sich denn auch jüngst angekündigt. Unter dem Titel «Zukunft zu Dritt» haben die Baudirektorin von Baselland und der Baudirektor von Basel-Stadt anlässlich einer Tagung im Dezember 1995 alle Agglomerationspartner eingeladen, zusammen eine Entwicklungskonzeption zu erarbeiten, was derweil auch intensiv vorangetrieben wird. Schon zuvor (1992) hatte der baselstädtische Gewerbeverband eine grenzüberschreitende Städtebauvision der Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron unter dem Titel «Eine Stadt im Werden» ermöglicht. Als weiteres Indiz sei schliesslich die Bewerbung «Basel 2001 - Kulturstadt Europas» genannt: sie versteht sich fast schon selbstverständlich als trinationale Kandidatur.
Der «Mut zur Metropole» (Herzog) muss jetzt die Losung sein. Und das ist mehr als die sorgfältige Begleitung eines trinationalen Entwicklungskonzepts für Raumordnung und Wirtschaft - es ist eine politische Herausforderung! Was für «Greater London» der «Greater London Council» war und was heute für Stuttgart der «KURS (Kommunaler Umlandverband Region Stuttgart)» ist, muss in absehbarer Zeit für das «Grössere Basel» der trinationale Agglomerationsrat (oder dergleichen) werden. Nur durch politische Beteiligung aller interessierten Akteure wird zusammenkommen, was als Schicksalsgemeinschaft längst zusammengehört.

Christian J. Haefliger,
Geschäftsführer