Die Karte der Nordwestschweiz:
Als die Schweiz 1963 dem Europarat beitrat, wurde am südlichen Oberrhein - auf Schweizer Seite notabene - die REGIO
BASILIENSIS gegründet. Zufälliges Zusammentreffen eines nationalen und eines regionalen Europa-Reflexes? Oder etwa
ein kurzes Aufblitzen des Zeitgeistes in der damals noch selbstzufriedenen Willensnation?
Und hier sei die These gestattet, dass dieser urföderalistische Vorgang der Gegenwart mit den konservierten
föderalistischen Territorialstrukturen von 1848 im klaren Widerspruch steht. Denn spätestens in der Begegnung
mit den viel grossräumigeren ausländischen Nachbar-Regionen mussten die kooperationswilligen Kantone erkennen, dass
sie erst mal Schweiz-intern ihre eigenen Grenzen überwinden mussten, um den sozio-ökonomischen Verflechtungen und den
sich daraus ergebenden Interdependenzen gerecht zu werden, die das moderne Leben den vor bald 150 Jahren
konstruierten Kantonen auferlegte.
Man könnte also, und wir wollen folgern: Nur der Leidensdruck der Vergrenzung, mithin die Aufsplitterung der Kräfte,
die Marginalisierung zusammengewachsener Lebensräume, führt zur Bündelung der Kräfte, ja muss zur Überlebensstrategie
der grenzüberschreitenden Kooperation führen.
Dieser offene Mikro-Integrationsprozess hat in den neunziger Jahren enormen Schub erhalten durch die Förderinitiative
INTERREG der Europäischen Union.
Bleibt am Schluss der Widerspruch, wonach der geschilderte neue Regionalismus zugleich sinnstiftende Bereicherung
föderalistischer Tradition sein kann, jedoch nur um den Preis der Überwindung alter Kantonseinteilungen. Überwinden
muss nicht Aufheben von Grenzen heissen, könnte aber so heissen, wäre dies hierzulande nicht ein Tabu. Weshalb
eigentlich? Im Wirtschaftsleben sind die gleichen Schweizer pragmatische und bewegliche Rechner: Es wird oft allzu
forsch rationalisiert, fokussiert, fusioniert und integriert. Irrationale Ängste hingegen, wenn territoriale
Veränderungen anstehen.
Christian J. Haefliger,
Beleg für die extreme Vergrenzung eines Landstrichs, in dem 600'000 Menschen auf 5 kantonalen Hoheitsgebieten leben,
die längst zu einer einzigen sozioökonomischen Region zusammengewachsen sind.
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Globalisierung und Regionalisierung sind heute die komplementären Entwicklungstrends. Während die Wirtschaft auch
hierzulande rationalisiert, fokussiert und fusioniert, verharrt die schweizerische Politik trotz leerer Staatskassen
bei der kantonalen Miniaturstruktur von 1848. Ein Widerspruch? Sicher zunächst einmal eine hochaktuelle Frage für die
professionellen Grenzüberschreiter entlang der schweizerischen Aussengrenze und für uns Gelegenheit zu einer
inoffiziellen These.
ÖFFNUNG DER PERIPHERIE VERSUS EUROPA-ISOLATION
Mit unserer seitherigen Zugehörigkeit wenigstens zum Europarat (und damit unserer Legitimation, die Europa-Flagge
jederzeit hissen zu dürfen) auf der einen Seite und anderseits mit der kleineuropäischen Öffnung der Peripher-Schweiz
am Oberrhein ist eine Entwicklung angesprochen, die in den letzten 30 Jahren das Land als Ganzes in die
europapolitische Isolation, hingegen mit seinen Randgebieten in einen stillen, ja beinahe sanften Prozess der Mikro-
Integration mit den europäischen Nachbarn getrieben hat.
Hat somit der landesweite Dissens dem Bundesstaat bis dato integrationspolitisch die Hände gebunden, liessen es sich
derweil einige Grenzkantone (und es wurden in den letzten Jahren immer mehr) nicht nehmen, ihre in Artikel 9 der
Bundesverfassung verbrieften Möglichkeiten der kleinen Aussenpolitik auszuschöpfen.
NEUER GEGEN ALTEN FÖDERALISMUS
Es ist ja kein Zufall, dass dieser Prozess hier in Basel mit der Nordwestschweiz einsetzte. Denn nirgends sonst weist
die Peripherie des Landes, die wir im Sinne eines Arbeitstitels gerne «Aussen-Schweiz» nennen, eine derart groteske
Vergrenzung auf.
Diesen Umstand belegt schon das Satellitenbild der Dreiländer-Agglomeration Basel. Es zeigt gleichsam «Europas letzte
Sektoren-Stadt» (nachdem Berlin keine mehr ist): Das andernorts längst eingemeindete Stadtgebiet zeigt hier einen
französischen Sektor mit 35'000, einen deutschen Sektor mit 92'000 und einen schweizerischen Mantelsektor auf drei
Kantonsgebieten mit über 180'000 Einwohnern; kurzum zusammen mit der offiziellen Kernstadt eine reale Stadt mit rund
500'000 Einwohnern, die so in keiner Statistik erscheint.
Den anderen Beleg extremer Vergrenzung liefert die Karte der Nordwestschweiz. Sie zeigt einen Landstrich von 80
Kilometer Länge und höchstens 30 Kilometer Breite. Von Porrentruy bis zur Aaremündung leben hier rund 600'000
Menschen auf 5 kantonalen Hoheitsgebieten, die längst zu einer einzigen sozio-ökonomischen Region zusammengewachsen
sind. Um diesen kleinen Landstrich kümmern sich 27 Regierungsräte und über 600 Kantons-Parlamentarier.
BÜNDELUNG ALS ÜBERLEBENSSTRATEGIE
Das Wirtschaftsleben - besser noch: das praktische Leben des Alltags hat die alte Kantons-Struktur dieses Landes
längst über Bord geworfen und pragmatische Gebietsgliederungen geschaffen, die - im Gegensatz zu den 26 Kantonen -
meist zu zehn, höchstens jedoch zu 15 Einheiten führen.
Solches machen folgende, willkürlich herausgegriffene Gliederungsbeispiele deutlich:
15 «ORL-Grossregionen», 15 Telefonnetz-Regionen, 10 Landwirtschafts-Verbände, 10 Touringhilfe-Regionen, 10
Tankreinigungs-Regionen, 9 Bistümer, 5 Autotelefon-Regionen.
Soweit also unsere «Grenzerfahrungen» im eigenen Hinterland und im Zusammenwirken mit unseren badischen und
elsässischen Partnern beim Aufbau der EuroRegion Oberrhein.
Mit Erkenntnissen und Bestrebungen dieser Art blieben wir freilich nicht lange allein. Zunächst im Raum Genf, dann am
Bodensee und in den letzten Jahren auch in den übrigen Grenzräumen der Schweiz, haben sich grosso modo sechs
Grenzregionen herauskristallisiert, die nach innen jeweils mehrere Kantonsgebiete zusammenfassen (wo dann auch
sogenannte Regionalkonferenzen der Kantonsregierungen installiert sind) und die nach aussen mit den Grenzregionen der
deutschen, französischen, italienischen und österreichischen EU-Nachbarn EuroRegionen bilden, die durch eine breite
Palette gemeinsamer grenzübergreifender Institutionen belebt werden.
Auf diese Weise dürfen wir heute das Bild mit dem Titel «Sechs mal die Aussen-Schweiz» betrachten und dabei nicht
übersehen, dass diese Partizipation der Schweiz an sechs Euregiones beileibe keine neuen Grenzen schaffen will und
darf, sondern im Sinne der Grenz-Überwindung nur variable Perimeter kennt, die selbstverständlich zu
interessensbedingten Überschneidungsgebieten führen.
INTERREG ERFASST DIE GANZE «AUSSEN-SCHWEIZ»
Allein für unsere Oberrhein-Regio standen in den ersten drei Jahren mit INTERREG I für über 40 Projekte nahezu 10 Mio.
Ecu zur Verfügung; seit 1995 mit INTERREG II weitere 24 Mio. Ecu - freilich immer unter der Prämisse, dass die
Oberrhein-Partner ihrerseits Mittel in gleicher Höhe aufzubringen in der Lage waren und sind.
Spätestens durch diese EU-Offerte, welche unter anderem die Negativwirkungen an den EU-Aussengrenzen (Stichwort
Festung Europa) zu mildern beabsichtigt, indem die Drittland-Nachbarn partizipieren können - spätestens durch diese
Offerte haben bald alle Aussen-Kantone die Chancen erkannt und vielleicht auch den Spass entdeckt, an einem Europa
von unten, will sagen, am Europa der Regionen mitzuwirken, ihren Beitrag zu leisten, aber auch ihren Nutzen daraus
zu ziehen. Die interessierten Kantone werden dabei seit 1995 mit rund 24 Mio. Franken vom Bund unterstützt (was
bekanntlich zum Bundesauftrag an die REGIO BASILIENSIS führte, in diesem gesamtschweizerischen Prozess koordinierend
mitzuwirken).
WENIGER KANTONE, DAFÜR ZEITGEMÄSS UND STÄRKER
Wie meinte doch kürzlich Oskar Reck hierzu: «Vermutlich gibt es bei uns keine Furcht, die tiefer sitzt. Sie erklärt
sich aus dem Bewusstsein, dass die moderne Schweiz ein künstliches Gebilde ist, das von aussen zusammengezwungen wurde. (...) Dieser Pufferstaat nach dem Willen der ihn umgebenden Mächte war 1848 ein durch und durch europäisches Produkt.»
Um mit Denis de Rougemont zu sprechen: Die Schweiz ist mit ihrer föderalistischen Idee, dem Prinzip starker Kantone,
sicher ein wünschenswertes Modell für das zukünftige Europa. Aber die Proportionen der alten Kantonseinteilung können
es nicht sein. Gerade der überzeugte Föderalist, der in der Überwindung des zentralistischen Nationalstaats (und
damit des de Gaulle'schen Europas der Vaterländer) das Europa der überschaubaren Regionen vor sich sieht, wird sich
für eine europa-kompatible Schweiz die Überwindung der 26-gliedrigen Kleineinteilung wünschen.
Sechs mal die «Aussen-Schweiz», wie sie sich heute schon föderalistisch zusammenrauft und vielleicht drei mal die
«Innen-Schweiz» - zeichnet sich wohl solchermassen, nämlich mit stärkeren Kantonen, eine Mikro-Integration der
Schweiz ins Europäische ab, worauf die bisher blockierte Makro-Integration in die EU bloss noch formeller Nachvollzug
wäre?
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